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Die Ding Junhuis Sportgeschichte – Snooker Legenden

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Die Ding Junhuis Sportgeschichte – Snooker Legenden
Ding Junhui streckte seinem Widersacher die Hand entgegen, doch Ronnie O’Sullivan wischte sie beiseite. Er wollte Ding Junhui nicht die Hand schütteln – nein, er wollte ihn umarmen. So legje der Brite großväterlich den Arm um den Chinesen, flüsterte ihm etwas Aufmunterndes ins Ohr, drückte ihn fest. Auch aus dem Publikum kamen tröstende Hände, die Ding Junhuis Schulter tätschelten, als wollten sie ihm sagen: Wird alles wieder gut, kleiner Freund.

Es war das Finale des Masters 2007, als Ding Junhui der Sportart einen seltenen Moment bescherte. Snooker hatte bis dahin schon viele Sieger und genauso viele Verlierer erlebt, aber noch keinen, der sich auf seinen Stuhl setzte und weinte, still und leise vor sich hin. Ding war chancenlos gewesen in diesem Finale gegen O’Sullivan, denn es war eines jener Spiele, bei denen ihm unerklärliche Fehler unterliefen. Er war häufig einfach nicht konzentriert, verstellte sich fürchterlich, ließ Bälle gegen den Tascheneingang krachen. (Ding ist als Nervenbündel bekannt. Also setzte er sich auf seinen Stuhl und weinte.

Zu Hause in China ist der Mann mit der spärlichen Mimik ein Held. Als er 2005 als 18-Jähriger die China Open gewann, hockten mehr als 100 Millionen Menschen vor den TV-Geräten. Der Independent schrieb einmal, Ding könne nicht einmal in der inneren Mongolei einen Feldweg beschreiten, ohne erkannt zu werden. Ding hat gelernt, mit diesem Rummel umzugehen. Und er sei ja auch gar nicht so schüchtern, wie alle denken, hat er einmal erzählt. Trotzdem, zu Hause spielte er seine besten Turniere: Er hat die China Open zweimal gewonnen, das Shanghai Masters, die Indian Open, die Yixing Open. In Europa hat es gedauert, aber er hat auch hier große Turniere gewinnen können, so zweimal die UK Championship, seine erste mit gerade 18 Jahren von Ranglistenposition 62 aus. Nicht so viele, wie es mit seinem Talent möglich hätte sein müssen, aber immerhin. Es sei denn, es stand gerade eine Weltmeisterschaft an.

Dings Zaudern im Crucible ist legendär. Nur ganz selten konnte Ding in Sheffield sein bestes Snooker abrufen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich jemals gesehen habe, hat Peter Ebdon über Ding gesagt, mit dem kleinen Zusatz: Es hat den Anschein, als würde er dieses enorme Talent am Eingang des Crucible Theatre abgeben. Oft flog er viel zu früh raus, ehe er 2016 fast alles geradegerückt hätte: Da spielte Ding seine beste WM überhaupt, stürmte bis ins Finale, wo er allerdings nach miserablem Start – er geriet früh 0:6 in Rückstand – gegen Mark Selby unterlag.

Ein weiterer unglaublicher Moment ereignete sich 2015, als sich Ding während seiner Partie gegen Mark Davis auf Maximum-Kurs befand. 96 Punkte waren gespielt, jeder im Saal registrierte die Chance auf eine 147 – alle außer Ding. Ohne Not lochte er Blau statt Schwarz. Die Chance auf ein Maximum und 30.000 Pfund Prämie waren dahin. Ich habe es erst gemerkt, als das Publikum raunte und Mark anfing zu lächeln, erklärte Ding. Da habe er zum ersten Mal während des Matches auf die Punktetafel geblickt: Ich konnte es nicht glauben. Vielleicht bekomme ich nie wieder die Chance, eine 147 im Crucible zu spielen. Alles in allem blieb Ding aber erstaunlich gefasst. Er wollte schließlich nicht wieder anfangen zu weinen.