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Die große Geschichte von John Higgins – Snooker Legenden

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Die große Geschichte von John Higgins – Snooker Legenden
Für John Higgins ging es um seine Glaubwürdigkeit, doch nicht nur für den Waliser: auch für seine Sportart. Die Snooker-Familie verfiel in Schnappatmung, als Higgins im Jahr 2010 in einen Wettskandal verwickelt war. Beziehungsweise verwickelt worden war, denn der Schotte war offenbar reingelegt worden, was die Kratzer an seiner Integrität aber nicht weniger tief erscheinen ließ.

Journalisten des britischen Boulevardblatts News of the World hatten Higgins und seinem Manager Pat Mooney eine Falle gestellt, ein Treffen in der Ukraine inszeniert, bei dem es um Spielmanipulationen gehen sollte. Dafür hatten sie sogar eine Firma namens Alpha Equity gegründet, ein Finanzunternehmen mit eigener Website, das sich auf dem englischen und russischen Markt bewegen sollte. Higgins und Mooney fielen auf den Trick rein, beim Treffen in Kiew mit zwei Männern, die sich Nikail und Jaroslav nannten, zeigten sie sich keineswegs abgeneigt, ein krummes Ding zu drehen. Higgins ließ durchblicken, er sei gewillt, für umgerechnet 300.000 Euro ein paar Frames absichtlich zu verlieren. Das war skandalös, auch wenn es nicht zu einer handfesten Absprache kam. Die Zeitung filmte das Treffen und veröffentlichte das Material. Der Weltverband WPBSA spürte den aufkommenden Druck: Der Vorsitzende Barry Hearn schäumte, die Glaubwürdigkeit des Sports müsse um jeden Fall verteidigt werden, sagte er. Auch Spieler äußerten sich kritisch über Higgins, der ja als einer der beliebtesten Spieler auf der Tour galt. Eine extreme Strafe drohe Higgins, würden sich die Vorwürfe bewahrheiten, polterte Hearn. Die Dimension des Falls: Higgins war damals Weltranglistenerster.

Es lag wohl an Higgins’ Popularität und seinen generellen Verdiensten um den Sport, dass die Sanktion moderat ausfiel. Nur ein Sträfchen musste Higgins verbüßen, für sechs Monate wurde er von allen Turnieren ausgeschlossen. Härter traf es Mooney, seinen Manager, der lebenslang als Snooker-Funktionär gesperrt wurde. Mooney habe vorher über alle Details Bescheid gewusst, Higgins hingegen nicht, so die Erklärung. Der Spieler leugnete das Treffen nicht (wie auch, es gab ja ein Video)135. Auch räumte Higgins ein, es sei ein Fehler gewesen, nicht sofort den Weltverband zu informieren, als ihm das schmutzige Geld offeriert wurde. Die fragwürdigen Aussagen habe er in Angst getätigt, da er sich im Dialog mit Nikail und Jaroslav mitten in einem Treffen mit der Mafia wähnte. Higgins sagte, er sei zum Schein auf den Deal eingegangen. Ich wollte nur noch da raus, nur noch in den Flieger, nur noch dieses Land verlassen, erzählte Higgins. Die WPBSA glaubte ihm, ließ die Vorwürfe auf Spielmanipulation und korruptes Verhalten fallen.

Higgins saß seine Strafe ab, er kehrte zurück – und wie. Der Manipulationsskandal hätte das Zeug gehabt, Higgins in der Snooker-Welt zur persona non grata schrumpfen zu lassen – doch mitnichten. Sein Kredit bei Fans und Mitspielern war keineswegs aufgebraucht. Hinzu kam, dass er sich in solch fulminanter Form befand, dass er sich bei seinem Comeback mit mehreren Turniersiegen zurückmeldete, unter anderem in einem mitreißenden Finale der UK Championship mit 10:9 gegen Mark Williams. Nur wenige Wochen benötigte er, um sich die Führung in der Weltrangliste zurückzuholen. Was für ein Comeback.

Die Bewunderung für Higgins rührt nicht nur daher, dass er aussieht, als sei er das dritte Mitglied des amerikanischen Komikerduos Laurel & Hardy, in Deutschland bekannt als Dick & Doof. Auch nicht, dass er bei der britischen Kochsendung Ready, Steady, Cook zu Gast war, übrigens an der Seite von Shaun Murphy, seinem alten Trainingspartner. 1975 geboren, im gleichen Jahrgang wie Mark Williams und Ronnie O’Sullivan, schloss sich das Trio 1992 gemeinsam der Profitour an. Higgins schaffte nicht ganz so viele Rekorde wie O’Sullivan, aber er wusste ihn zu besiegen. So beim Grand-Prix-Finale 2005, als er gegen den staunenden O’Sullivan vier Century Breaks in Serie zauberte: 494 Punkte, ohne dass O’Sullivan nur einen Ball hätte lochen dürfen. Higgins verblüfft auch in fortgeschrittenem Alter mit seiner Präzision und seinen Fähigkeiten im Breakbuilding. An guten Tagen scheint die Kugel wie durch einen Magneten bewegt genau an den Platz auf dem grünen Tischtuch zu wandern, der für den nächsten Stoß der perfekte ist. Higgins ist vierfacher Weltmeister, gewann zudem zweimal das Masters und dreimal die UK Championship. Siebenmal schaffte er die 147. Kurzum: Er ist ein Großer der Sportart.

Auch erwähnenswert ist, dass Higgins einer der wenigen Spieler ist, die sich O’Sullivans uneingeschränkter Wertschätzung sicher sein können. Als Maßstab in spielerischer Hinsicht hat er Higgins einst bezeichnet – wer kann das schon von sich behaupten? Auch hat Higgins die vielleicht größten Lobesworte abbekommen, die O’Sullivans Mund je verließen, nach einer wirklich netten Geste des Walisers. O’Sullivans Vater war gerade zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, als sein Sohn die WM 2001 gewann.

Teil your dad. Well done. I’m so pleased for you and your family, gratulierte ihm Higgins, auf Deutsch: Erzähl es deinem Vater. Gut gemacht. Ich freue mich wirklich für dich und deine Familie. O’Sullivan war ergriffen. You are a Gentleman. One hundred per cent, antwortete er: Du bist ein Gentleman, zu einhundert Prozent.