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Das Crucible Theatre – magischer Ort des Weltklasse-Snooker

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Das Crucible Theatre – magischer Ort des Weltklasse-Snooker
Was für den Fußball das Wembley-Stadion ist und für Tennis Wimbledon, ist für Snooker das traditionsreiche Crucible Theatre in Sheffield, wo alljährlich die Snooker-Weltmeisterschaften ausgetragen werden – und das bereits seit 1977. Der Vergleich mit den berühmtesten Sportstätten Englands hinkt dabei absolut nicht, denn immerhin gehört Snooker neben Fußball und Dart dort zu der Sportart mit den höchsten Einschaltquoten bei Fernsehübertragungen. Ende April bis Anfang Mai fand die WM 2021 dort statt – aus der der Brite Mark Selby bereits zum vierten Mal als Sieger hervorging. Beachtlicher als dessen Siegerbilanz ist jedoch die Geschichte des Crucible selbst, dem nahezu magischer Charakter anhaftet.

Zum einen ist das Theater im Zentrum der englischen Industriestadt – wenngleich weitaus mehr als ein Sportstadion und Teil eines größeren Theaterkomplexes – mit Snooker so eng verbunden, dass kaum Alternativen in Frage kommen, wenngleich andere Orte weitaus mehr Zuschauer beherbergen und damit größere Einnahmen garantieren könnten. Geschichte ist in diesem Fall eben bedeutsamer als Wirtschaftlichkeit, und so wurde der Vertrag des Crucible als Austragungsort der Snooker-Weltmeisterschaften mindestens bis 2027 verlängert, das Jahr, in dem das Theater dann auch seinen 50. Geburtstag feiert. Nur 980 Sitzplätze umfasst es, während rund 30 Millionen Zuschauer das Spektakel alljährlich im TV verfolgen – Interesse und Bedarf an einer größeren Spielstätte wäre also durchaus vorhanden. Würden die Austragungsorte alljährlich gewechselt, käme sogar eines der gigantischen Stadien in China in Frage, wo Snooker ebenfalls extrem beliebt ist. Doch die Veranstalter bleiben dem ursprünglichen Austragungsort treu, was nicht zuletzt mit dem Charme des Theaters zusammenhängen mag, wo die Snooker-Matches stets in völliger Stille gespielt werden.

Wer offizielle Kommentare zum Spiel hören möchte, besorgt sich im Souvenir-Laden des Crucible einen winzigen Sender, der im Ohr getragen wird, und über den sich die Zuseher mit der Übertragung des BBC verlinken können. Nicht zuletzt dies mag dabei helfen, die richtigen Snooker Wetten zum Ausgang der Spiele abzugeben. Bei Wetten ebenfalls zum Tragen kommt eine weitere recht unerklärliche Komponente der großen Turniere, bekannt als der „Crucible curse“ – zu Deutsch der „Fluch des Crucible“. Während sich diverse Snooker-Asse den Weltmeistertitel mehr als einmal sichern konnten, gelang es doch keinem im Folgejahr nach seinem ersten Meistertitel. Der amtierende Weltmeister Mark Selby gewann beispielsweise zum ersten Mal 2014, musste 2015 den Titel an den Engländer Stuart Bingham abtreten, siegte dann jedoch erneut 2016, 2017 wie auch 2021, wo er sich im Finale gegen Shaun Murphy durchsetzen konnte, der den Weltmeistertitel bisher nur 2005 heimtrug. Absoluter Spitzenreiter in der Geschichte des Turniers ist Ronnie O’Sullivan, der sein erstes Turnier 2001 gewann, dann erneut 2004, 2008, 2012, 2013 wie auch 2020. Ist der Fluch des ersten Jahres also erst gebrochen, gelingt es den Meistern durchaus ihren Titel in Folgejahren zu verteidigen – ein wichtiger Aspekt, der bei Wetten nicht vergessen werden darf.

Dazu kommt, dass das Crucible Theatre den heimischen Spieler gut gesonnen zu sein scheint – nur 1978 und 1979 siegten die Waliser Ray Reardon und Terry Griffiths, 1980 zum einzigen Mal ein Nicht-Brite mit dem Kanadier Cliff Thorburn. 1985 setzte sich Dennis Taylor aus Nordirland durch – abgesehen davon wurde die Weltmeisterschaft stets von englischen Spielern gewonnen. Ist es reiner Heimvorteil oder ein weiterer mystischer Aspekt des Theaters?

Geht es dort wirklich ähnlich unerklärlich zu wie in einem Hexenkessel? Das englische Wort Crucible bedeutet auf Deutsch so viel wie Schmelztiegel oder auch Feuerprobe, an Hexerei soll das jedoch in erster Linie nicht erinnern. Vielmehr ist Sheffield bekannt für seine Stahlproduktion, wenngleich das Architektenbüro Renton Howard and Wood, das 1969 mit dem Entwurf des Theaters beauftragt wurde, sicherlich metaphorisch auch die Idee eines kulturellen Schmelztiegels im Sinn hatte. Gepaart mit dem Crucible Studio, das 400 Sitzplätze bietet, werden in dem tiegelförmigen Komplex alljährlich zahlreiche Veranstaltungen abgehalten – sein Ruf als „Kathedrale des Snookersports“ ist das Crucible jedoch stets erhalten geblieben.

Auch wie es dazu kam, ist eine Geschichte erstaunlicher Zufälle. In den 70er Jahren besuchte die Gattin des damaligen Snooker-Promoters Mike Watterson zusammen mit einer Freundin das Theater, hielt es für den perfekten Ort für die Austragung der Sportereignisse und trug die Idee an ihren Mann heran. Der Rest ist Geschichte, und dass, obwohl der Sport seit langem über die Maße der beiden Spielboxen des Theaters hinausgewachsen ist.

Unglaublich und beispielslos im Profisport sind die Crucible-Erfolge von Ronnie O‘Sullivan, der 2012/2013 nach dem Sieg in der Weltmeisterschaft 2012 ein Sabbatjahr einlegte, aus gesundheitlichen Gründen, wie es zunächst hieß. Kurz vor der Weltmeisterschaft 2013 gab er in einer Presseerklärung bekannt, er brauche sein Geld für den Schulabschluss seiner Kinder, er werde also dennoch teilnehmen, auch wenn ihm Snooker selbst nichts mehr abgebe. Den Sieg trug er dann trotzdem und komplett unerwartet nach einem Jahr Pause heim – ein Moment, in dem ihm die Presse ein „sardonisches Grinsen“ zuschrieb. Danach blieb er dem Sport weiterhin treu, bis her 2020 seinen Landsmann Kyren Wilson erneut im WM-Finale besiegte. 2021 schied er dann jedoch bereits im Achtelfinale aus. Bekannt ist O’Sullivan als einer der schillerndsten Figuren des Snookersports, nicht zuletzt deshalb, weil er durchaus mal wegen obszöner Gesten verwarnt werden muss.

Wird er es 2022 erneut zum Weltmeistersieg schaffen, oder wird Mark Selby dann seinen Titel verteidigen können und die Trophäe sowie das mittlerweile beachtliche Preisgeld von 500.000 britischen Pfund zum fünften Mal heimtragen? Wer darauf wetten will, sollte in Betracht ziehen, dass das Crucible Theatre seit jeher einen Hauch Magie und Unberechenbarkeit umrankt.

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