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Das Snooker als Nationalsport in England und in Deutschland

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Das Snooker als Nationalsport in England und in Deutschland
An den Fußball kommt Snooker nicht ganz heran. Einen Fernsehvertrag von fast zehn Milliarden Euro, wie ihn die Premier League 2015 für drei Jahre abgeschlossen hat, wird es im Präzisionssport niemals geben. Auch Rugby hat mehr Fans, jedenfalls dann, wenn Großereignisse wie eine Weltmeisterschaft anstehen.

Doch dann, dann kommt auf der Insel bereits Snooker.

Für deutsche Verhältnisse ist das schier unglaublich: Snooker ist in Großbritannien ein Massenphänomen. Große Spieler schaffen es auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen The Sun oder Daily Mirror, wenn auch häufig mit ihren Skandalen und Skandälchen. Fast jeder große Spieler hat eine Autobiografie in den Regalen der Buchhandlungen stehen, jede Tageszeitung und jeder Fernsehsender verfügt über eigene Snooker-Experten. Die Einschaltquoten im Fernsehen sind gewaltig, den Bestwert erreichte das Jahrhundertmatch aus dem Jahr 1985, als nach Mitternacht 18,5 Millionen Briten die übertragende BBC eingeschaltet hatten. Snooker passt mit seinen langen Finalsessions perfekt in die Fernsehgewohnheiten der Briten, die sich ansonsten auch stundenlang Rugby oder Kricket ansehen. Nationalsport ist Snooker damit aber natürlich nicht, weil immer noch weit mehr Briten Snooker sehen und darüber reden, als es selbst zu spielen. Sechs Millionen Briten sollen einmal aktiv Snooker gespielt haben, diese Zahlen verbreitet der Weltverband. Doch das ist ein paar Jahre her.

In der Weltspitze wird der Sport entsprechend von Engländern dominiert. Und sind es einmal nicht Engländer, dann die Waliser, Schotten oder Nordiren. Erst drei Weltmeister kamen nicht von der Insel: 1952 Horace Lindrum und 2010 Neil Robertson, beide stammen aus Australien, was aber immerhin Mitglied des Commonwealth ist. Dazwischen 1980 der Kanadier Cliff Thorburn. Ebenfalls sehr populär ist Snooker in Asien, vornehmlich in China, wo es Spieler wie Ding Junhui zu Nationalhelden gebracht haben. Mehr als 110 Millionen Menschen sahen dessen Finalsieg bei den China Open 2005 gegen Stephen Hendry, was der höchste Zuschauerwert sein dürfte, der im Snooker bislang erreicht wurde.

Manchmal ist der Sport aber auch gnadenlos, gerade in England. Der Markt wirkt aufgeblasen, Wochenende für Wochenende messen sich die Spieler in unzähligen Ligaspielen. Wer es weit bringen will, muss bereits als Jugendlicher auf einer der großen Snooker- Akademien in Rushden oder Sheffield gewesen sein, um dort von den Besten zu lernen. Das kostet ein kleines Vermögen, pro Jahr bis zu 50.000 Euro, inklusive Trainingsstunden, Unterbringung, Verpflegung und Startgeldern. Die besten Briten kommen hierher, aber auch die hoffnungsvollsten Talente aus anderen Ländern. Nicht alle können das Geld in ihrer anschließenden Karriere wieder einspielen. Einigen bleibt ein ordentlicher Schuldenberg.

Das Snooker in Deutschland kein Nationalsport ist
Von Zuständen wie in England ist der deutsche Snookersport weit entfernt. Manch einer redet gar von zwei unterschiedlichen Sportarten: Dort die glitzernde Profiwelt der besten Spieler, mit Fernsehübertragungen und stattlichen Preisgeldern, wo es manchmal kein anderes Thema gibt, wenn gerade eine Weltmeisterschaft ansteht. Hier der Amateursport in den von Finanznöten geplagten Landesverbänden, wo kein einziger Spieler von seinem Können leben kann. Wo sich die Spieler quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Turnieren treffen und auf Tischen spielen, die sich in Sachen Qualität doch stark von den Profitischen drüben in England unterscheiden; auf denen der Ball manchmal seltsam rumpelt, weit entfernt von internationalen Standards. Es sind jene Turniere, von denen nicht die große BBC berichtet, sondern allenfalls die Lokalzeitung.

Wie es um Snooker in Deutschland steht (und dass alles gar nicht so schlecht ist, wie es zunächst klingt), dazu später mehr in diesem Snookerportal. Trotzdem muss man verstehen, dass die Welt der Profis, von der weite Teile dieses Buchs handeln, mit dem Sport in Deutschland wenig gemein haben. Natürlich gibt es in Deutschland viele Spielerinnen und Spieler, die ihrem Sport mit großer Akribie und glühender Leidenschaft nachgehen. Ihnen gilt große Anerkennung, denn sie haben es in diesem komplizierten Sport weit gebracht, wenn sie nach Jahren des Trainings mit ihrem Team in der ersten oder zweiten Bundesliga spielen. Sie zu Amateuren abzuwerten, fallt schwer, auch wenn es den Kern der Sache trifft. Der deutsche Verband hat kaum finanzielle Mittel zur Verfügung. Es gibt einen Bundestrainer, der jedoch nicht beim Verband angestellt ist. Und es gibt viele talentierte Spieler, die nebenbei zur Schule gehen oder einen regulären Job erledigen. Die keine Chance haben, es jemals bei den Profis zu schaffen.

Seit Jahren wartet die deutsche Snookergemeinde entsprechend auf einen Spieler, der es mit den Besten in England aufnimmt. Das wünschen sich vor allem die Medien, beim Verband ist die Stimmung weniger euphorisch. Hier freut man sich über die kleinen Schritte: Über eine spannende Bundesligasaison. Über den Aufbau neuer Tische im ganzen Land, denn Snooker ist ein Sport, der gerade wächst in Deutschland. Oder über eine gute Platzierung bei der Europameisterschaft der Amateure, bei der Deutschland zu den erfolgreichsten Nationen zählt.

Snooker findet nicht nur im Crucible in Sheffield statt oder im Londoner Ally Pally, wenn die Fernsehkameras jeden Blickwinkel ausleuchten. Sondern auch sonntagnachmittags um 14 Uhr, in der Billard- und Dartshalle des 1. DSC Hannover beim Heimspiel gegen den 1. SC Breakers Rüsselsheim.